Lebenslauf von Kari - gelesen an der Beerdigung am 6. April 2024 [Obituary in German]
Flüelen retour, via Nord- und Südpol, das war das Leben von Kari Zberg. Aufgewachsen mit vier Schwestern hier in Flüelen, wollte Kari die Welt sehen - und er hat sie gesehen. Noch in den letzten Monaten seines Lebens hat er Besuch erhalten aus verschiedenen Ecken der Welt – ein Fliegerkollege aus Irland war hier in der Schweiz und schaute bei Kari in Flüelen vorbei, ein Pilot landete mit einer grossen Passagiermaschine aus den Arabischen Emiraten in Zürich und auch für ihn war klar, vor dem Weiterflug noch kurz bei Kari vorbeizuschauen.
Es ist nicht selbstverständlich, dass Kari so weit in der Welt herumgekommen ist, dass die Welt nun ihn besuchte. Kari hat es immer wieder selber in die Hand genommen.
Mit seinen vier Geschwistern erlebte er eine glückliche Kindheit in einfachen Verhältnissen in einer Zeit, wo die Kinder im Winter noch auf der Axenstrasse vom Gruonbach bis zum Flüelerhof schlitteln konnten. Dass Kari nicht nur von der grossen weiten Welt träumen konnte, sondern diesen Traum auch lebte, daran hatten seine Eltern sicher auch ihren Anteil. Vater Zberg, er ging im Alter von 12 Jahren für 8 Jahre als Knecht in die Westschweiz, arbeitete nach seiner Rückkehr ins Urnerland bei der DGV, der Dampfschiffgesellschaft Vierwaltstättersee. Er war Brückenwart im Hafen und ist mit dem «Dämpferli» gefahren, dem kleinen Schiff, das mit Passagieren und allem Notwendigen zwischen Flüelen, der Isleten und Bauen pendelte, bevor es zwischen der Isleten und Seedorf eine Strasse gab.
Mit dem Vater mit diesem Dämpferli auf den See zu gehen, war für den kleinen Kari etwas vom Grössten: «Da bin ich scho gärä gange» erzählte Kari.
Schon in seiner Jugend war Kari interessiert, lernte gerne Neues und war froh, die in Flüelen neu eröffnete Sekundarschule besuchen zu dürfen. Das ebnete dem fleissigen Schüler den Weg, um eine der begehrten Lehrstellen als Mechaniker im Schächenwald antreten zu können.
Von Kindsbeinen an war Kari gerne in den Bergen, manchmal weiter als es die Mutter gerne gesehen hat, zum Beispiel, wenn die Bergfreunde schon im Primarschulalter auf den Rophaien gestiegen sind – nicht dem Wanderweg entlang, sondern «vorne ufe». Beim Klettern im Sommer ging es von Erstbegehungen am Hagelstock bis zu Touren am Salbit quer durch den ganzen Kanton und darüber hinaus.
Die Touren auf die Gipfel des Urnerlandes oder die Fahrt mit dem Dämpferli zur Isleten haben aber das Interesse für alles jenseits des Horizontes nur noch grösser gemacht. Diese Leidenschaft teilte er auch mit seinem Vater, der auch Bücher nach Hause brachte und mit seinen Kindern oft vor einer Weltkarte gesessen und über ferne Länder diskutiert hat.
Eigentlich hätte sich Kari Zberg sehr für die Fliegerei interessiert, aber diese Welt war für einen jungen Urner aus einfachen Verhältnissen weit weg. Das Militär könnte vielleicht eine Möglichkeit sein, um zu einer Pilotenausbildung zu kommen, dachte sich Kari. Doch der Kreiskommandant hat diesem Ansinnen eine deutliche Absage erteilt: Bevor der Zberg Pilot werde, werde er noch Papst, soll dieser gesagt haben.
Wenn ich die Welt nicht mit dem Flugzeug entdecken kann, dann vielleicht mit dem Schiff, hat sich Kari gesagt. Ohne viel Informationen hat der junge Kari Zberg eine Bewerbung an eine Schweizer Reederei in Basel geschickt und sich auch von einer Absage nicht entmutigen lassen. In den Telefonbüchern am Bahnhof Flüelen hat er eine weitere Adresse eines Schifffahrtsbetriebes gefunden und wieder eine Bewerbung geschickt. Dort wurde seine Bewerbung 1961 angenommen.
Er müsse übermorgen in Marseille sein, wurde ihm dann plötzlich mitgeteilt. Nach einer Nacht im Zug hat er sich im Hafen von Marseille zu dem Schiff durchgeschlagen, das für die nächsten Monate sein Zuhause sein sollte. Er hat nicht gezögert, diesen grossen Schritt zu machen – er habe das einfach gewollt, sagte er später dazu.
Sich anfangs nicht zu schade für die dreckigen Arbeiten, wurde das handwerkliche Geschick und das technische Verständnis von Kari auf dem Schiff bald geschätzt. Von Frankreich aus ist der Frachter die afrikanische Westküste hinuntergefahren und wieder zurück. Bei den Aufenthalten des Schiffs in den verschiedenen Häfen lernte Kari die Kulturen ferner Länder kennen, die ihn so sehr interessierten.
Seine Heimat, seine Freunde und die Familie hat er deswegen nie vergessen und ist immer wieder gerne ins Urnerland zurückgekehrt, bevor es ihn wieder in die Welt hinaus gezogen hat. Auch den Schnee hat er auf den langen Fahrten an den Küsten Afrikas bis nach Angola – eine Fahrt dauerte bis zur Rückkehr in den Heimathafen rund vier Monate, manchmal vermisst. «Als ich auf dem Mittelmeer in der Ferne die Schneeberge der Sierra Nevada gesehen habe, da hatte ich schon Heimweh», erzählte Kari.
In den Häfen hat sich Kari Zberg nicht nur für die Bars interessiert wie manche andere Matrosen. Kari Zberg hat die Gelegenheit genutzt, möglichst viel der angefahrenen Länder zu sehen. Auch wenn es verboten war, auf die Cheops-Pyramide zu klettern, haben sich Kari und ein paar Kollegen nicht nehmen lassen. Die verbotene Stadt in Peking, Bankok, Neuseeland oder Japan – Kari Zberg hat seinen Traum wahr gemacht und als Schiffsmechaniker all diese Städte und Länder, die er bisher nur aus Büchern kannte, selber besucht.
Aber Kari Zberg hatte noch lange nicht genug von der weiten Welt und ist nach einem weiteren Heimaturlaub nach England gegangen, um seine Englischkenntnisse weiter zu verbessern. Dort wollte er auch die Ausbilung zum Schiffsingenieur in Angriff nehmen. «Doch immer am Morgen, auf dem Weg zu dieser Schule, habe ich dieses Flugzeug im Landeanflug gehört. Das hat mir keine Ruhe gelassen und ich dachte immer, ich würde besser in eine Ausbildung in der Fliegerei investieren», erzählte er.
Als er in London an einem Kiosk nach Fliegerheften Ausschau gehalten hat, hat er in einem Strick-Heft ganz zufällig ein Inserat für Skiferien in Schottland gesehen. Ihm kam in den Sinn, dass ihm, er war nicht nur talentierter Bergsteiger, sondern auch begnadeter Skifahrer, schon empfohlen wurde, in Schottland als Skilehrer zu arbeiten. Aber er wusste nicht, wo er sich dafür melden sollte. An diesem Kiosk hat Kari Zberg einmal mehr nicht passiv darauf gewartet, was das Leben mit sich bringt, sondern die Initiative ergriffen – das Strickheft gekauft und sich bei dem Skigebiet gemeldet.
Schon kurz darauf war Kari Zberg im Norden Schottlands als Skilehrer angestellt. Auch wenn niemand danach fragte, er hat sich schnell Fachbücher gekauft, um die Fachausdrücke zu lernen und sich im Selbststudium für den Skilehrer-Job weiterzubilden – mit halben Sachen hat sich Kari nicht gerne zufrieden gegeben, was er anpackte, wollte er gut machen. Auch hier war man offensichtlich zufrieden mit ihm, so dass Kari Zberg schon bald auch Mitgliedern von Royal Army, Air Force und Navy Skikurse gab. Später hat er auch das offizielle Skilehrerpatent in Andermatt nachgeholt.
Eine wahrscheinlich schicksalhafte Wendung nahm das Leben von Kari Zberg, als er für einen Kollegen, der krankheitsbedingt verhindert war, als Skilehrer nach Kanada reiste. Nördlich von Montreal wartete Kari Zberg an einem schönen Sonntag an einem Skilift auf die Bergfahrt. Den leeren Platz neben einem ihm unbekannten Mann liess Kari nicht ungenutzt, teilte den Skilift-Bügel mit diesem Mann und kam mit ihm ins Gespräch. Oben am Lift angekommen, wussten die beiden Männer voneinander, dass der eine ein ausgebildeter Mechaniker aus der Schweiz mit grossem Interesse für die Fliegerei war und der andere, John Jameson, ein Pilot und Geschäftsführer bei einer kanadischen Fluggesellschaft, die im Norden von Kanada aktiv war.
Das Interesse war beidseitig geweckt und Kari Zberg bekam Monate später bei der kanadischen Firma eine Anstellung als Mechaniker. 300 kanadische Dollar gab es dafür pro Monat, die Hälfte, wenn man parallel die Pilotenlizenz machen wollte. Selbstverständlich hat Kari die zweite Variante gewählt – das Ziel einer Pilotenausbildung hatte er nicht aus den Augen verloren.
Mit seinem Schweizer Sinn für Qualität war Kari Zberg schon nach wenigen Wochen Vorarbeiter, aber mit den versprochenen Einsätzen in die Arktis, die Kari so stark interessiert hätten, wurde es vorderhand noch nichts. Es folgte eine schwierige Zeit für ihn, er musste sich mit verschiedenen Jobs über die Runden helfen, er half beim Heuen, beim Haus bauen, war als Mechaniker bei Ölfirmen in Edmonton und bei der kanadischen Eisenbahn in Calgary – er hat für den Traum seiner Pilotenkarriere viel geopfert.
Die Beharrlichkeit von Kari hat sich gelohnt, es hat sich wieder ein Fenster aufgetan und 1968 konnte Kari als Mechaniker mit einem Flugzeug mit in Richtung Arktis – nachdem er schon viele Länder der Welt per Schiff besucht hatte, konnte er endlich auch den hohen Norden erkunden. Nach ersten Einsätzen als Mechaniker ging es mit der Pilotenausbildung rasch vorwärts und es zeigte sich, dass Kari auch ein Talent fürs Fliegen hatte.
Für die nächsten über 30 Jahre arbeitete Kari Zberg als Pilot, sehr oft in den fast unendlichen Weiten von Kanadas Norden. Oft war er dort mit Transportflugzeugen unterwegs zu abgelegenen Dörfern und Siedlungen, wo das Flugzeug die einzige Verbindung zur Aussenwelt war. Nicht nur Passagiere, auch Lebensmittel, Treibstoff, Maschinen oder Tiere – er brachte zu den Menschen, was sie benötigten und hat nicht selten Patienten in abgelegenen Siedlungen abgeholt und zu einem Spital geflogen – so war er ein wichtiger Teil im Leben vieler Menschen in den fast unendlichen Weiten des kanadischen Nordens.
Auch für Forschungsstationen war er mit dem Flugzeug unterwegs so weit oben im Norden, wo die letzte Siedlung schon viele Flugstunden zurückliegen. Kari Zberg gehört wohl zu den wenigen Menschen, die auf die einfache Frage «Wie oft bist du schon am Nordpol gewesen» keine genaue Antwort wusste. «Um die 30-mal sind es sicher gewesen», sagte er. Kari wurde zu einem Experten für das Fliegen unter diesen extremen Bedingungen, dort, wo Navigieren mit den Sternen gefragt war, weil der Magnetkompass verrückt spielte, dort wo Wölfe oder Eisbären bei den Landeplätzen warteten, dort wo es keine Pisten gab und jeder Landeplatz auf Schnee neu gesucht und beurteilt werden musste, dort wo das Ein- und Ausladen der Fracht ganz selbstverständlich auch zum Pilotenberuf gehörte. Mit dieser enormen Erfahrung in der Tasche hat sich Kari auch qualifiziert für Einsätze am buchstäblich ganz anderen Ende der Welt. Er wurde mit dem zweimotorigen Twin-Otter-Flugzeug über den ganzen Nord-und-Südamerikanischen Kontinent geschickt und noch weiter, um auch am Südpol Versorgungsflüge durchzuführen.
Kari Zberg, der den verschiedensten Menschen auf der ganzen Welt mit viel Respekt, Humor und seinem ihm eigenen Schalk begegnet ist, hatte auch eine hochseriöse Seite. Dort oben, jenseits des Polarkreises, beim anspruchsvollen Fliegen fernab von Flugplätzen war das nötig. Fehler wären sehr schnell tödlich gewesen, auf Hilfe von aussen hätte er oft tage- oder gar wochenlang warten müssen. Umso seriöser und genauer hat Kari seine Verantwortung als Pilot wahrgenommen, Risiken und Wetter eingeschätzt und auch seine Grenzen gekannt, so dass er in all den Jahren der Fliegerei unter oft extremen Bedingungen von grösseren Unfällen verschont geblieben ist. Dieses Wissen hat er mit unzähligen jungen Copiloten geteilt, die von seinem Erfahrungsschatz profitieren konnten.
Wenn man die Augen offen hat, gibt es immer «usinnig viele interessante Möglichkeiten», die man packen kann. Aber man muss dann halt auch verzichten, wenn man sich für etwas entscheidet. Wahrscheinlich aus einem Verantwortungsbewusstsein heraus hat Kari Zberg darauf verzichtet, zu heiraten. 50 Jahre lang war ihm die aus Bürglen stammende Lina Arnold, die auch einen grossen Teil ihres Lebens in Nordamerika verbrachte, sehr nahe. «Aber ich wäre ja nie zu Hause gewesen, das wäre zusammen mit der Fliegerei auch nicht gegangen und mit der Schifffahrt noch viel weniger», sagte er dazu. Trotzdem war er dann für seine Lina da, als sie schwer erkrankte und hat sie bis zu ihrem Tod begleitet.
An den extremen Punkten der Welt um den Nord- und Südpol hat Kari auch Bekanntheit mit vielen Berühmtheiten gemacht. Leute wie Neil Armstrong der als erster Mensch den Mond betrat oder der heutige König Charles von Grossbritannien waren bei Kari Zberg im Flugzeug. Ein grosses Tamtam hat Kari deswegen nicht gemacht, unter den extremen Bedingungen von Arktis und Antarktis zeigte sich noch deutlicher als anderswo, auf welche Qualitäten es wirklich ankommt. Das sind bei Königen, Astronauten und Ureinwohnern die gleichen Qualitäten – dem entsprechend hat sie Kari auch behandelt, er hatte Respekt für ihre Qualitäten und nicht für ihre Titel.
2004 ist Kari in als Pilot pensioniert worden und nach ein paar weiteren Jahren in Kanada hat er sich entschieden 2010 zu seiner Familie zurückzukehren. Umsorgt von seinen Schwestern Margrith und Vreni hat er sein Krebsleiden tapfer ertragen. Am 17. März war die grosse Weltreise von Kari Zberg dann zu Ende.